Sieben Sachen, die muss man machen – in Santiago de Chile. Die chilenische Millionenmetropole hat viel zu bieten. Ich hab mir die Stadt (wieder) mal angeseh’n und das sind meine favorits:

1. Rauf auf den Cerro Santa Lucia

Der Hügel ist eine kleine Herausforderung und ein Gipfelerlebnis inmitten der chilenischen Metropole. Auf der turmartigen Aussichtsplattform hat man einen großartigen Rundumblick und sieht die Weite der Stadt – das Häusermeer beherbergt acht Millionen Menschen in der gesamten Metropolregion, das sind fast die Hälfte der Einwohner Chiles – und die Enge des Landes: Blickt man nach Osten, strahlen einem die schneebedeckten Gipfel der Anden entgegen, im Westen sieht man die Küstenkordilliere. Dazu kommt die historische Tragweite: Hier wurde am 12. Februar 1541 „Santiago de Nuevo Extremo“ gegründet.

2. Runter auf die Plaza de Armas

Der Hauptplatz überfällt den Besucher mit dem üppigen Charme der südlichen Metropole. Der Gründer Piedro de Valdivia, ein Söldner, Plünderer und kolonialer Haudegen aus Spaniens goldener Epoche, ragt in Erz gegossen dort, umgeben von Palmen, die in der Sommerhitze Schatten spenden. Das Ensemble wird geprägt durch die gerade renovierte Kathedrale, das Rathaus, neoklassizistische Hauptpost, die zum Museum mutierte erste Kolonialverwaltung, die Casa Edwards, einem der ältesten Kaufhäuser der Stadt. Hier geschah alles: Gründung des Landes, Unabhängigkeit, Papstbesuch. Hinter der historischen Szenerie prahlen die Hochhäuser mit ihrem leicht vergilbten Glanz der Postmoderne. „Gründerzeit“ und „Moderne“ im Gegensatz – nicht der einzige Gegensatz, den Chile bietet. Ein quirliger Platz voll prallem Leben. Banker und Beamte hasten in schnellem Schritt vorbei, die Carabineros genannten Polizisten führen ihre Segways aus, Kinder tollen umher, Bettler beflehen die Kirchgänger, Touristen wie Einheimische flanieren unter den Palmen.

3. Ran an die Fische

Der Mercado Central am Nordrand der historischen Altstadt lockt mit touristischem Ambiente. Die Gusseisenkonstruktion erinnert an französische Vorbilder zwischen Quai d’Orsay und Gare de l’Est, die Atmosphäre wird aufgeheizt durch das marktschreierische Werben der Kellner, doch dem Hunger nachzugeben und sich am herrlichen Fisch zu stärken. Und der ist bei jedem der Restaurants sehr gut. Es muss ja nicht unbedingt das rote Ungetüm der Königskrabbe sein, hinter der sich japanische Touristen lächelnd fotografieren lassen. Seeaal (Congrio) oder Merluza (Seehecht) tun’s auch. Wenn man gut verhandelt, schaut auch noch ein kleiner Pisco Sour als Gratisaperitiv dabei raus…

4. Raus auf den Cerro San Cristobal

Bei Cristobal denkt man in Lateinamerika zwar vor allem an Colon, also Kolumbus. Aber der ist hier nicht gemeint; sondern der Heilige Christopherus. Und dem ist der heilige Berg geweiht, auf dessen Gipfel man ein Sanktuarium findet, ein paar monströse Fernseh- und Kommunikationsantennen und – und ein fan-tas-ti-sches Panorama der Stadt Santiago, so eindrucksvoll eingebettet zwischen der Andenkordilliere und der kleineren Küstenbergkette. Wer sich ein wenig bewegen will, wandert verschlungene Pfade durch den Park hinauf, wer es bequemer will, der fährt mit der Standseilbahn (Erwachsene zahlen 2016 CLP 2.000,–, am Wochenende 2.600,–; Kinder 1.500,– bzw. 1.950,–). Den Zoo kann der Tourist mangels Außergewöhnlichkeiten getrost links liegen lassen, es geht weiter hinauf. An klaren Tagen, die freilich selten sind, sieht man von hier nicht nur den höchsten vom Menschen errichteten Punkt Südamerikas (den Torre Costanera, ein Hochhaus, das neben einer auch recht netten Aussichtsterrasse Santiagos Hard Rock Café beheimatet), sondern auch den höchsten von Mutter Erde errichteten Punkt des Kontinentes: In der Ferne erspäht man in östlicher Richtung manchmal den schneebedeckten 6.961 m hohen Gipfel des Aconcagua. Ganz in der Nähe des Berges gelangt man nach ein paar Schritten zu Santiagos Ausgehmeile. Von Fusion Cooking bis Bierhölle ist da für jede Kehle was Erfrischendes dabei…

5. Runter zur U-Bahn

Wenn man von U-Bahn hört, dann denkt man an historische Einzigartigkeiten wie London’s Tube oder Moskaus Metro. Doch auch Santiago hat ein umfangreiches Liniensystem zu bieten, in dem wie in anderen urbanen Lebenszonen Menschen sardinengleich in Metallgehäuse geschlichtet werden, um die möglichst effiziente Nutzung der Transportkapazitäten zu gewährleisten. Freilich bietet Santiagos Metro, deren Stationseingänge man mit drei roten Rauten beschildert erkennt, mehr als nur Bewegung in physischer Hinsicht. Innerlich bewegt wird man bisweilen beim Betrachten der Kunstwerke, die hier im öffentlichen Raum dem Betrachter entgegenblicken. Vor allem die Malereien der Stationen Universidad de Chile und Santa Lucía auf der ältesten Linie 1 (der insgesamt bislang fünf Linien) sowie moderne Kunst und postmoderne Architektur der Linie 5 erfreuen den Betrachter. Den Betrachter erfreut auch das Tarifsystem: Das Einfachticket wird beim Eintritt automatisch eingezogen. Solange man das System nicht verlässt, kann man mit einem Ticket (CLP 610-740) unter der Erde bleiben und sooft ein- und aussteigen, wie man möchte.

6. Rein ins Café Haiti

Ein Schalerl Kaffee hebt’s Herzerl in’d Höh. So heißt’s doch im Lied. Und das Herzerl des (männlichen) Besuchers wird nicht nur vom Kaffee gehoben. Auch die Damen, die ihn servieren, wirken in ihren knappen Röcken bringen das Blut in Wallung. „Haiti“ hat in Santiago den feinen Geruch des karibischen Lebensstils und das Aroma des feurigen Temperamentes der Tropen, von dem man sich hier in der Nähe von Moneda und Höchstgericht homöopathische Dosen verabreichen lassen kann. Ein faszinierender Ort auch um zu beobachten, bei welchen Temperaturen hierorts heimische Herren Anzüge und Damen hochgeschlossene Kleider tragen können.

7. Rüber zur Moneda

Der Platz vor dem Moneda genannten Präsidentenpalais bieten ein ganz besonderes Flair. Die umgebenden an Albert Speer und DDR erinnernden Verwaltungsburgen, die die Ministerien beherbergen, formen eine fast bedrohlich wirkende Arena, an deren westlicher Flanke der Turm der Telekom (Torre Entel) der Stadt 127 m emporragt. Übertroffen wird dieser, zwar nicht in der Höhe, wohl aber in der Erscheinung vom Mast in der Mitte des Platzes, der die größte Flagge Chiles trägt, deren 600 m² großes Segel sachte im Wind gleitet; so, als ginge sie das Geschehen darunter nichts an. Und das Geschehen darunter ist ein wildes Hin und Her. Wie ein messerscharfer Schnitt bohrt sich die Alameda, die Avenida Liberador Bernardo O’Higgins, durch die Plaza. Den Ruhepol des Ensembles bildet die Moneda, früher Münzanstalt, nunmehr Präsidentenpalais. Historisch markantester Punkt der Stadt, weil das Haus wie kein zweites Chiles Wendepunkte in der Geschichte des 20. Jahrhunderts darstellt: 1973 durch einen Luftangriff im Zuge des Militärputsches schwer beschädigt, wird sie zum Sarg des damaligen Präsidenten Salvador Allende – und der chilenischen Demokratie. Symbolisch dafür wird sie jahrzehntelang leerstehend fast dem Verfall preisgegeben. Symbolisch ist auch ein weiterer Verlust: Im Zuge des Luftangriffes wird das Original der Unabhängigkeitserklärung von 1818 vernichtet. Diese dunklen Zeiten liegen hinter uns, sagen viele Chilenen, und so wird Allendes hinter der Moneda gedacht, ein wenig abseits der Aufmerksamkeit steht sein Denkmal. 1990 dann erfolgt die demokratische Wende und mit ihr wird die Moneda wieder Amtssitz des demokratisch gewählten Präsidenten. Und obwohl Chiles Politik wahrhaftig nicht immer von Eintracht und Ruhe geprägt ist, die Moneda strahlt dies zumindest aus.

ADL